• Pilotstudien

Virtuelle Personas im Einsatz: Wie Segmentierungen operativ nutzbar werden

Ein Praxisbeispiel aus dem Energiemarkt mit konkreten Anwendungsbeispielen

Michael Briem
Managing Director bei mindline energy

Aktualisiert
21. April 2026

Schauen Sie sich den dazugehörigen Vortrag von der Succeet-Messe 2026 hier als Kurzvideo an.

Ausgangspunkt: Wenn gute Forschung im Alltag verpufft

Segmentierungsstudien liefern in der Regel genau das, was sie sollen: ein strukturiertes Verständnis von Zielgruppen, ihren Bedürfnissen und Verhaltensmustern. Die eigentliche Herausforderung beginnt jedoch erst danach.

Im konkreten Praxisfall zeigt sich ein vertrautes Bild. Die Ergebnisse stoßen initial auf große Zustimmung, werden aber im operativen Alltag oft kaum genutzt. Insbesondere in Bereichen wie Marketing, Produktentwicklung oder Vertrieb fehlt oft der direkte Zugriff auf diese Insights.

Das Problem ist weniger methodisch als organisatorisch. Insights existieren, aber sie leiten nicht immer die Handlungen.

Genau an dieser Stelle setzt der Ansatz virtueller Personas an. Ziel ist es nicht, neue Erkenntnisse zu generieren, sondern bestehende Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie im Alltag tatsächlich verwendet werden können.

Wäre es nicht schön, immer einen Kunden an seiner Seite zu haben, der bei kleinen Entscheidungen im Arbeitsalltag unterstützt?

Praxisbeispiel: Virtuelle Personas bei den Stadtwerken Geesthacht

Im konkreten Anwendungsfall wurde eine bundesweite Segmentierung auf das Versorgungsgebiet der Stadtwerke Geesthacht übertragen und durch eine eigene Befragung ergänzt. Dadurch entsteht ein realistisches Abbild der lokalen Kundenstruktur.

Ein zentrales Ergebnis: Die Segmentverteilung unterscheidet sich deutlich vom Bundesdurchschnitt. Während stark preisgetriebene Kunden nur eine untergeordnete Rolle spielen, sind regional orientierte und nachhaltigkeitsaffine Segmente deutlich stärker vertreten.

Diese Verschiebung ist nicht nur analytisch relevant, sondern beeinflusst unmittelbar die Ausgestaltung von Angeboten und Kommunikation.

Methodische Grundlage: Vier Säulen eines funktionierenden Systems

Der Ansatz basiert explizit nicht auf generischen AI-Modellen, sondern auf klassischer Marktforschung. Im konkreten Setup lassen sich vier zentrale Bausteine identifizieren:

Die Grundlage bildet eine bundesweite need-based Segmentation, die auf Bedürfnisse und Einstellungen statt auf reine Soziodemografie fokussiert.

Die übergreifenden Segmente werden auf konkrete Versorgungsgebiete übertragen, um sie für einzelne Energieanbieter nutzbar zu machen. 

Die Personas werden anhand der zugrundeliegenden Daten modelliert (inklusive Motivationen, Barrieren, Kommunikationsstil und konkretem Kundenwissen) und innerhalb eines Chat-Bots zugänglich gemacht.

Auf Basis der Persona-Prompts werden Video-Avatare generiert, mit denen dynamische Unterhaltungen geführt werden können.

Der entscheidende Punkt: Die Qualität der Personas und ihrer Antworten steht und fällt mit der Qualität der zugrunde liegenden Daten.

Die Segmentierungslogik: Bedürfnisse statt Demografie

Im Zentrum steht eine klassische, aber konsequent umgesetzte need-based Segmentation. Im Energiekontext wurden sechs stabile Kundentypen identifiziert, die sich primär durch ihre Bedürfnisse und Einstellungen unterscheiden:

Diese Typen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Einstellung, sondern auch in zentralen Verhaltensweisen, wie etwa Wechselneigung, Preisorientierung oder Kommunikationspräferenzen.

Ein zentraler Befund aus der Anwendung:
Die Verteilung dieser Segmente ist kontextabhängig. Im Fall der Stadtwerke Geesthacht sind beispielsweise nachhaltigkeits- und regionalitätsorientierte Kunden überrepräsentiert, während stark preisgetriebene Wechsler unterdurchschnittlich auftreten.

Damit wird deutlich: Segmentierung ist nicht nur ein Analyseinstrument, sondern auch ein Spiegel der Marktpositionierung eines Anbieters.

Von der Segmentierung zur Simulation: Wie Personas genutzt werden

Der eigentliche Mehrwert entsteht erst in der Anwendung. Hier zeigt sich, wie Segmentierungswissen in konkrete Entscheidungen übersetzt wird.

Beispiel 1: Rückgewinnung eines preissensiblen Kunden

Am Beispiel des Segments „Ernst“ – ein stark preisorientierter, wechselbereiter Kunde – wird ein Rückgewinnungsangebot getestet.

Die Reaktion der Persona ist konsistent mit den zugrunde liegenden Daten:

  • Ein Gutschein wird zwar wahrgenommen, aber als nicht ausreichend bewertet
  • Der Fokus liegt klar auf Preisniveau und Wechseloptionen
  • Konkrete Verbesserungsvorschläge entstehen direkt aus der Interaktion (z. B. längere Preisgarantie, reiner Online-Abschluss)

Der Mehrwert liegt hier weniger in der Überraschung als in der Operationalisierung bekannter Muster.

Beispiel 2: Entwicklung eines Mehrwertangebots (Freibad)

Ein zweites Beispiel zeigt die Nutzung auf aggregierter Ebene: Ein exklusiver Freibadrabatt für Bestandskunden soll bewertet werden.

Eine übergreifende „Experten-Persona“ identifiziert diejenigen Segmente, für die das Angebot besonders relevant ist – insbesondere regional und familienorientierte Kunden.

Darauf aufbauend lassen sich:

  • Zielgruppen priorisieren
  • Kommunikationsansätze ableiten
  • konkrete Inhalte (z. B. Social Media Posts) generieren

Hier zeigt sich eine zweite Funktion der Personas: Sie strukturieren nicht nur Feedback, sondern helfen aktiv bei der Umsetzung.

Integration in den Arbeitsalltag: Vom Tool zur Routine

Ein zentrales Ziel des Ansatzes ist die Integration in bestehende Arbeitsprozesse.
Personas werden dabei nicht als einmaliges Analysewerkzeug verstanden, sondern als dauerhaft nutzbares Interface.

Typische Anwendungen im Alltag:

  • Überprüfung von Kampagnenideen
  • Ableitung passender Tonalitäten für Kommunikation
  • schnelle Plausibilisierung neuer Produktideen

Ein interessanter Nebeneffekt: Durch wiederholte Nutzung entwickeln Mitarbeiter ein zunehmend intuitives Verständnis für die Zielgruppen und das auch ohne permanente Tool-Nutzung.

Technische Umsetzung: Tooling als Enabler, nicht als Kern

Auf technologischer Ebene basiert der Ansatz auf einer Kombination aus:

  • Datenintegration (Segmentierungs- und Kundendaten)
  • KI-gestützter Persona-Modellierung
  • Chat-Interfaces und optionalen Video-Avataren

In unserem konkreten Fall wurde mit LeanScope eine Plattform gewählt, die insbesondere durch stabile Datenintegration, kontrollierbare Outputs und Datensicherheit (kein Training des LLM mit Kundendaten/deutscher Serverstandort) überzeugt.

Wichtig ist jedoch die Einordnung: Die Technologie ist nicht der Kern des Ansatzes, sondern lediglich der Enabler für die Nutzung.

Operative Herausforderung: Der Weg zurück zum einzelnen Kunden

Eine zentrale Frage aus der Praxis betrifft die Rückführung auf die operative Ebene:
Wie lässt sich ein konkreter Kunde einer Persona zuordnen?

Die Antwort ist methodisch klar, aber operativ anspruchsvoll:
Eine direkte Ableitung aus bestehenden CRM-Daten ist nicht möglich. Stattdessen wird ein Tagging-Ansatz benötigt, der schrittweise an Kontaktpunkten implementiert wird.

Das bedeutet:

  • zusätzliche Datenerhebung
  • Integration in bestehende Prozesse
  • langfristiger Aufbau einer segmentierten Kundenbasis

Grenzen des Ansatzes: Unterstützung statt Ersatz

Trotz der praktischen Vorteile bleibt die Rolle virtueller Personas klar definiert. Sie sind ein wirkungsvolles Instrument, um Ideen zu schärfen, Varianten miteinander zu vergleichen und Entscheidungsprozesse zu beschleunigen. Gerade in frühen Phasen oder bei operativen Fragestellungen können sie helfen, schnell ein besseres Gefühl für Zielgruppenreaktionen zu entwickeln.

Gleichzeitig ersetzen sie jedoch keine klassischen Primär-Datenerhebungen. Insbesondere für belastbare Validierungen, etwa im Rahmen von Werbe-Pretests, Potenzialanalysen oder explorativer Forschung, bleibt empirische Datenerhebung unverzichtbar. Virtuelle Personas liefern hier eher eine vorgelagerte, qualitative Orientierung als eine finale Entscheidungsgrundlage.

Hinzu kommt, dass der Ansatz kontextgebunden ist. Innerhalb klar definierter Themenfelder, für die eine fundierte Datenbasis vorliegt, liefern die Personas konsistente und valide Antworten. Sobald sich Fragestellungen jedoch außerhalb dieses Rahmens bewegen, stößt der Ansatz an seine Grenzen.

Fazit: Ein operativer Layer für bestehende Marktforschung

Virtuelle Personas verändern nicht die Logik von Marktforschung, sondern ihre Nutzung.

Sie wirken dort, wo klassische Studien oft an ihre Grenzen stoßen:
im Alltag, in schnellen, kleineren Entscheidungen, in der operativen Umsetzung.

Der eigentliche Beitrag liegt damit in einer Verschiebung:

  • von Insight-Generierung zu Insight-Nutzung
  • von statischen Reports zu interaktiven Systemen
  • von punktueller Analyse zu kontinuierlicher Anwendung

Oder anders formuliert: Virtuelle Personas machen nicht bessere Marktforschung. Sie machen vorhandene Marktforschung wirksamer und alltagsnäher.

Analysen und Beratungen rund um AI Tech Tools sowie Startups. Für Marktforscher und Marketing-Entscheider.

Beratungstermin vereinbaren